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Schweriner Volkszeitung Samstag, 17.November 2001
Der Schweriner Enrico Pehns hat das größte Rätsel des Computerspiels "Moorhuhn 3" gelöst

Moorhühner, Frösche und Jagdfieber

Das Moorhuhn flattert zwar nicht mehr überall durch die Medien, ist aber noch höchst lebendig. Um die dritte Version hat sich im Internet eine eingeschworene Fangemeinde gebildet, die die Rätsel des Spiels knacken will. Besonders der grüne Moorfrosch wurde gejagt, aber bisher konnte ihn niemand erwischen. Enrico Pehns aus Schwerin hat ihn nun als Erster zur Strecke gebracht.

Von Philip Schroeder

Wer in der kleinen Wohnung in der Schweriner Altstadt den unverkennbaren Geräuschen von Computerspielen folgt, betritt ein Zimmer, in dem sich alles um das Moorhuhn dreht: An der Wand hängen Plüschhühner, T-Shirts, Poster und Fotos, die alle irgendwie mit dem Spiel selbst oder mit den Ereignissen um die Cyberjagd zu tun haben. In diesem Zimmer hat Enrico Pehns den ominösen Frosch erlegt. Den Frosch, hinter dem alle Moorhuhnverrückten her waren, seit die dritte Version des Computerspiels auf den Markt gekommen ist. Nur war die virtuelle Amphibie bisher leider nicht zu erwischen. Pehns, 25 Jahre alt und von Beruf Bürokaufmann, war kein Moorhuhnjäger der ersten Stunde. Als die erste Version des Computerspiels in Büros und Behörden für kollektives Jagdfieber sorgte, griff er nur gelegentlich zur Schrotflinte bzw. Computermaus. Aber die zweite Version der Cyberjagd, bei der man mit einer virtuellen Flinte ebenso virtuelle glubschäugige Cyberhühner abknallen soll, weckte dann doch seinen sportlichen Ehrgeiz.

Meisterschaft in München
Als ein privater Fernsehsender im Dezember 2000 die 2. Deutsche Moorhuhn-Meisterschaft veranstaltete, setzte er alles daran, zu den 16 Finalisten unter 200 000 teilnehmenden passionierten Hühnerjägern zu gehören. Die Endrunde fand im Januar 2001 in München statt. Der Meister erzählt: "Vorher habe ich mich natürlich im Internet schlau gemacht und ordentlich trainiert." Und tatsächlich, er schaffte es, seine Abschussquote war so gut, dass er zur Entscheidung nach München fliegen konnte. Zum Sieg reichte es damals in München nicht, er kam auf den 5. Platz und gewann eine Webcam, nicht das als Hauptpreis ausgesetzte Auto. Aber dennoch ist er stolz auf seinen 5. Platz. Und die Federviecher, die einst für den Whisky-Produzenten Johnnie Walker werben sollten, aber für unheilbare Suchterscheinungen sorgten, waren inzwischen zum wichtigsten Hobby des Schweriners geworden. Besonders der Austausch mit Gleichgesinnten ist für ihn immer reizvoll: "Ich habe im Netz eine Familie aus Bielefeld kennen gelernt, die haben mich hier in Schwerin besucht. Mutter und Kind haben sich die Stadt angeguckt und ich habe mit dem Mann vor dem Rechner gesessen. Und wir haben natürlich Hühner gejagt." Als die dritte und stark verbesserte Version des Spiels erschien, wollte und konnte er einfach nicht warten, bis sie frei im Netz verfügbar war. Pehns hat sich die neue Version sofort gekauft und musste dafür extra nach Lübeck fahren. Er erinnert sich noch genau: "Das Spiel ist etwas teurer geworden als geplant. Auf der Fahrt haben sie mich nämlich geblitzt." Den Frosch hatte die Moorhuhn-Entwicklerfirma Phenomedia AG von Anfang an als eines der großen Rätsel in das neue Spiels eingebaut: "Der Frosch ist unter den vielen Rätseln des Spiels einzigartig, die üblichen Lösungswege funktionieren bei ihm nicht", berichtet Spieleentwickler Frank Ziemlinski, der Vater des Moorhuhnspiels. Diesen Frosch zu knacken, war bald Ziel vieler Freaks, die alle möglichen Lösungen im Internet diskutierten. Auch Enrico Pehns verbrachte Nächte vor dem Computer, immer auf der Jagd nach dem hartleibigen Frosch. Macht solche Verbissenheit nicht einsam? "Meine Freundin arbeitet in der Bäckereibranche und muss früh raus. Deshalb geht sie früh zu Bett und ich kann loslegen", beruhigt der Hühnerfreak den besorgten Beobachter. Inzwischen forderte die lange Jagd radikale Maßnahmen: Ein digitaler und rund um die Uhr offener Internetzugang (flatrate) wurde angeschafft. Die Abrechnung nach Minuten ging bei der Suche nach Lösungstipps im Netz zu sehr ins Geld. "400 Mark Telefonrechnung kann kein Mensch ertragen", erinnert sich Pehns mit Grausen. Und auch die richtige Computermaus musste erst gefunden werden. Eine nach der anderen gab bei der Jagd nach dem Frosch den Geist auf oder scheiterte gleich an der nötigen Geschwindigkeit. Für den, der es dem Meister nachmachen will, hat Enrico einen Rat parat: "Es muss eine optische Maus sein. Kugelmäuse reagieren zu langsam oder gehen zu schnell kaputt!"

Mit der Bibel die Lösung gefunden
Der Frosch blieb zunächst hartnäckig. In den Disskussionsforen des Internets stieß der Jäger auf den Tipp, es mal mit der Genesismethode zu versuchen. Das klang erst mal rätselhaft. Die Genesis, so erfuhr der Froschverrückte aber aus dem Internet, ist die biblische Schöpfungsgeschichte. Also versuchte er den Weg der Schöpfung einmal andersherum: Alles in einer bestimmten Reihenfolge abknallen. Natürlich nur virtuell. Eines Nachts war es dann soweit, die Reihenfolge stimmte, der Frosch war fällig und Enrico Pehns jubelte und konnte sich als Erster in die Frosch-Highscoreliste eintragen. Den Erfolg behält man als Fan natürlich nicht für sich. Inzwischen haben viele Fans den Lösungsweg des Meisters nachvollzogen, da er ihn auf seiner Homepage allgemein zugänglich gemacht hat.

Erstaunen beim Spielehersteller
Schneller als er ist aber bisher noch niemand gewesen. Auch die Phenomedia AG registrierte den Erfolg des Schweriners. "Wir möchten es den Freaks natürlich schwer machen, aber die denken derart um alle möglichen Ecken, da sind wir selbst erstaunt", berichtet Spieleentwickler Ziemlinski von seinen Erfahrungen in den Moorhuhn-Foren des Web. Die Homepage von Enrico Pehns, www.luciee.de, verzeichnet inzwischen bis zu 4000 Besucher am Tag, und alle waren sie auf der Suche nach Moorhuhninfos. Inzwischen laufen auf Enricos Homepage und bei dem Hersteller Phenomedia AG sogar Anfragen aus den Vereinigten Staaten ein. Das Spiel soll in absehbarer Zeit auch jenseits des großen Teiches lanciert werden. Außerdem will man das Moorhuhn aus seiner "Opferrolle" befreien und zur aktiven Hauptfigur einer neuen Spieleserie machen. Nur um Schwerin herum gibt es anscheinend wenig Moorhuhnfans. Enrico Pehns jedenfalls würde sich freuen, wenn Gleichgesinnte mit ihm unter luciee@freenet.de Kontakt aufnehmen würden.
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